Die versteckte Seite der Fotografie: Bessere Fotos durch Empathie

Es gibt nicht sehr viele Artikel die anerkannte Konzepte aus den Betriebs-und Geisteswissenschaften mit der Fotografie verknüpfen, daher möchte ich hiermit einen ersten einbringen. Man liest sehr viel über technische Spezifikationen in Zeitschriften und Internet, es finden sich viele kreative und inspirierende Berichte zur kunstvollen Seite der Fotografie und es gibt auch mittlerweile viele Hinweise zum Thema Selbständigkeit und Weg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, würde ich mal frei nach Kant sagen 🙂

Einige Personen, ich denke z.B. an Calvin Hollywood oder Neunzehnzweiunsiebzig (Patrick Ludolf), sind es, die sich schon eher Gedanken über derartige Themen machen und auch erfolgreich damit sind. Was verbindet diese Personen, sie sind Quereinsteiger in die Fotografie und sie sind sehr an ihrer Umwelt und wirklich allen Aspekten der Fotografie, aber auch des Business dahinter interessiert.

So geht es auch mir selbst, ich fotografiere sehr gern und ich mag es auch sehr, wenn neue Technik die Grenzen des Machbaren verschiebt und neue Möglichkeiten geschaffen werden noch bessere Ergebnisse zu erzielen, aber die Technik ist nur ein kleiner, wenn nicht der kleinste Aspekt, der Unterschiede ausmacht. Unterschiede, die wirklich von Kunden erkannt werden und für dich als Fotografen zur Unique Selling Proposition, also zum Alleinstellungsmerkmal werden können. Das hört sich jetzt erstmal hochgestochen an, aber lasst es mich an einem Beispiel erklären.

Früher habe ich viel Webdesign gemacht und ich war auch recht bekannt im Umkreis dafür, das Problem dabei war nur, erstens hat man viel Konkurrenz, viele Rücksprachen mit Kunden, die einem niemand bereit ist zu zahlen und wenn man nicht gerne mit Maschinen, sondern lieber mit Menschen arbeitet, dann ist man nicht mit Leidenschaft bei der Arbeit und man nutzt die zwischenmenschlichen Kompetenzen nur zum Verkauf, sie manifestieren sich nicht im Ergebnis, der Webseite. Das heißt, ein großer Teil der eigenen Fähigkeiten wird im Ergebnis nicht sichtbar. Aus diesem Grund entschied ich mich gegen das Webdesign und für die Fotografie. Es dauerte eine Weile bis ich meine Fähigkeiten ausgebaut hatte, aber was ich ziemlich schnell merkte war, dass ich durch meine Persönlichkeit und mein Auftreten das Ergebnis auf den Bildern stark beeinflussen konnte. Heute nutze ich diese Fähigkeit sehr während meinen Shootings. Ich will euch das im folgenden ein wenig genauer erläutern, da ich denke, dass es zu diesem Thema noch sehr wenige Artikel gibt und es viele Fotografen von vorne herein falsch angehen (das ist meine Meinung, ihr dürft eine andere dazu haben).

Durch meine Ausbildung und meine bisherige Arbeit bei einem Großkonzern als Projektleiter, habe ich die Fähigkeit entwickelt oder sagen wir geschärft, mich auf Menschen einzulassen und sie zu lesen. Im Businessumfeld nennt man diese Fähigkeiten, die man auf- und ausbauen kann Kompetenzen. Die Kompetenz sich auf Menschen einzulassen und mit ihnen zu fühlen, bezeichnet man als Empathie.
Ein fehlen dieser Kompetenz wird übrigens als dissoziale (antisolziale) Persönlichkeitsstörung eingestuft. Was ich besonders beängstigend finde ist, dass einige der Vorgesetzten, die ich erlebt habe, in das Muster der dissozialen Persönlichkeitsstörungen fallen, wie sie bei Wikipedia unter folgendem Link beschrieben werden >> Link.

Wir gehen jetzt davon aus, dass wir die Fähigkeit besitzen und Empathie empfinden können. Wie ich Empathie nutze, das beginnt bereits beim lesen der Emails oder beim genauen Zuhören am Telefon beim Erstkontakt mit den Kunden. Ich antworte nie mit Standardtexten und gehe immer individuell auf die Anfragen und Wünsche der Kunden ein. Das liegt auch daran, dass die Bewerbungsfotos in meinem Portfolio eine individuelle Leistung darstellen und kein Massengeschäft. Bei anderen Angeboten verhält es sich anders. Bei den Bewerbungsfotos gehört dies jedoch dazu und es zahlt sich aus, die Kunden spüren das sofort und fühlen sich umfassend informiert. Sofern man spürt, dass sie Bedenken haben, sollte man ihnen Zuversicht aussprechen und verdeutlichen, dass man ihnen Hilfestellung gibt, sie sind nicht allein gelassen mit der Verantwortung für das Ergebnis. Sie kennen es nämlich so von den Fotografen, die sie einfach auf einen Stuhl setzen oder vor eine Leinwand stellen und ihnen sagen: So und jetzt schön freundlich lächeln, dann 5x abdrücken, davon muss ein Bild ausgewählt werden und das war es.

Mit Empathie ist das anders, die Nutzung von Empathie kann nicht als Massenware ausgeliefert werden an Kunden. Sie braucht Zeit, er gehört Zeit zum Erspüren der aktuellen Gemütslage des Kunden dazu, ein sanftes Einwirken darauf, ein schaffen einer Atmosphäre von Vertrauen und Respekt. Die meisten Kunden sind nicht beim Shooting für Bewerbungsfotos, weil sie Lust darauf haben, sondern weil sie gezwungen sind neue Fotos zu machen oder ihr Bewerbungscoach sie zum Fotografen geschickt hat. Oft kommen die Personen auch von weiter weg und hatten bereits einen Frisörtermin und Makeup-Termin davor. Oft ist auch viel Verkehr und sie verspäten sich, was zu weiterem Stress und Anspannung führt. Manchmal sind die Kunden aber auch sehr entspannt und machen sich überhaupt keine Sorgen. Und genau diese Unterschiede sind beim Shooting-Termin die ersten Ansatzpunkte für Empathie.
Ist der Kunde abgehetzt und kommt zu spät, dann fehlt bereits ein wenig eingeplante zeit bis zum nächsten Shooting, dennoch wäre es falsch ihn zu hetzen und sofort mit dem Shooting zu beginnen. Stattdessen sollte man sie lieber beruhigen und ihnen sagen, dass Sie sich keine Sorgen machen sollten, dies ist eher die Regel und die Zeit reicht immer noch locker für eine Vielzahl guter Fotos (auch wenn man selbst weiß, es wird eine Herausforderung).
Man sollte den Kunden etwas zum Trinken anbieten und sich kurz mit ihnen hinsetzen und sie in ein entspanntes Gespräch verwickeln, in welcher Phase der Bewerbung sie gerade sind und wofür sie sich bewerben möchten. In welcher Branche? Und ob sie bereits bestimmte Unternehmen im Auge haben? Das könnten passende Fragen sein. Ein Gespräch lenkt ab und beruhigt die Kunden. Merke: Wenn du es eilig hast, gehe langsam (Lothar M. Seiwert)

Nach der Begrüßung, wie gerade beschrieben, kann man den Kunden kurz beschreiben, was sie nun erwartet und ihnen sagen, was ihr Teil von dem ganzen ist. Ich persönlich fordere die Kunden dazu auf sich auf das Shooting einzulassen und mir zu vertrauen. Ich versichere den Kunden, dass ich ihnen die ganze Zeit über helfe und dass wir unterschiedliche Haltungen und Situationen fotografieren werden, um die am besten geeignete für den Kunden zu finden. Ich schaue mir dabei auch schon die Körperhaltung meines Gegenübers an und beobachte, welche Haltung und Körpersprache er oder sie an den Tag legt. Ich möchte wissen, welche Haltung für ihn oder sie bequem und natürlich ist, weil ich das später nutzen werde während dem Shooting. Meine Kamera habe ich die ganze Zeit über NICHT in der Hand, weil dies bereits leichten unbewussten Druck ausüben würde 😉

Ich beobachte natürlich aus, wie es sich mit der Anspannung verhält zu diesem Zeitpunkt, unterhalte mich weiterhin mit den Kunden und mache auch ein paar Körperhaltungen vor. Ich weise darauf hin, was bei den Bildern zu vermeiden ist und beginne dann mit ein paar Testfotos, bei denen ich die Lichtverhältnisse an der Kamera einstelle. Dies alles dient der Eingewöhnung.

Danach geht das Shooting los und ich beobachte währenddessen ständig, wie sich die Person vor der Kamera verhält und auf die Anweisungen und Hilfen reagiert. Ich schaue, dass sie sich bei den Posen wohlfühlt und spiegele ihr ihre Wirkung wider. Ich sage ihr, wie Sie aktuell auf mich wirkt und ob ich das als passend empfinde für die von ihr gewünschte Bildwirkung und die Branche, in der sie sich bewerben möchte.
Was ich im Grunde die gesamte Shootingdauer mache, ist mich auf die Person gegenüber einlassen und geduldig auf das Ziel hinarbeiten mit ihr. In kürzester Zeit muss ein Posen-Coaching, Motivation und Arbeit an der Körpersprache stattfinden – und das alles neben dem ganzen Technischen Aspekt, der das Licht und die Kamera betrifft. Meine Erfahrung ist es ebenfalls, dass man die Persönlichkeit und Körperhaltung auch nicht komplett verbiegen sollte, nur um des Posing-Lehrbuches Willen. Mir persönlich ist es bei Bewerbungs- und Businessfotos wichtiger eine entspannte Person auf dem Bild zu haben, die authentisch wirkt, als eine Person, die technisch perfekt fotografiert wurde, deren Ausdruck im Gesicht ich jedoch nicht eindeutig lesen kann.

Bei dieser Art der Fotografie steht für mich der Mensch und nicht das Bild im Vordergrund. Klar ist aber auch, dass beides in der vorgegebenen Zeit so nah wie möglich an die Perfektion gebracht werden sollte. Ich sage den Kunden auch, wenn ich meine, dass wir auf dem Level angelangt sind, an dem wir sehr gute Fotos haben und eigentlich aufhören könnten. Wenn noch Restzeit vom eingeplanten Shooting übrig ist, dann nutze ich diese dennoch, um eventuell das Ergebnis noch weiter qualitativ zu steigern.

Auch hier gilt für mich, dass Empathie sehr wichtig ist, denn sie ermöglicht es mir abzuschätzen, ob sich das Ergebnis noch weiter steigern lässt oder ob die Person bereits so entspannt und natürlich auf den Bildern wirkt, als unterhielte ich mich mit ihr ohne die störende Kamera.

 

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